Star-DJ Boris Dlugosch, 40, angelt gerne und liebt die Ruhe. Außer freitags und samstags, da gibt er den Ton an

Nicht ganz dicht“

Der Par­ty­typ war ich noch nie, ich brau­che meine Ruhe. Die Zei­ten, als ich aus dem Kof­fer gelebt habe, sind vor­bei. Bis vor vier Jah­ren saß ich nur im Flug­zeug und legte jedes Wochen­ende in Europa, Nord­ame­rika oder Asien auf. So rich­tig los ging meine DJ-Karriere, als ich Anfang der Neun­zi­ger den Song Sing It Back von Moloko gere­mixt und kurz dar­auf die Sin­gle Never Enough mit der Sän­ge­rin Rói­sín Mur­phy auf­ge­nom­men habe.

Jetzt ist mein Leben über­schau­ba­rer. Ich bin vor allem in Deutsch­land unter­wegs. Drei– bis vier­mal im Jahr !iege ich noch in der Welt­ge­schichte herum. Heute Mor­gen hat meine Booke­rin ange­ru­fen, zwei Clubs aus Syd­ney und Mel­bourne haben ange­fragt. Unter der Woche arbeite ich zu Hause. Ich stehe gegen neun Uhr auf und koche mir einen grü­nen oder schwar­zen Tee. Vor kur­zem habe ich mit­be­kom­men, dass es sich lohnt, ein paar Euro mehr aus­zu­ge­ben und Bio-Tee zu kau­fen, wegen der Pes­ti­zide und so.

Vor­mit­tags che­cke ich meine Mails, tele­fo­niere, wähle die Musik aus, die ich am Wochen­ende spiele. Mit­tags geh ich oft essen. In die Küchen­werk­statt beim Hof­weg oder ins Cox in der Greifs­wal­der Straße. Außer mon­tags und diens­tags, da ist Kin­der­tag. Meine vier­jäh­rige Toch­ter lebt bei ihrer Mut­ter, drei Stra­ßen wei­ter. Ich hole sie vom Kin­der­gar­ten ab und koche für uns. Sie liebt panier­ten Fisch, ganz sim­pel, so wie ich ihn als Kind auch gerne mochte.

Wo wir gerade bei den Fischen sind. Am liebs­ten angel ich sie mir sel­ber. Meine Freun­din hat mir letz­tes Jahr einen Tag mit einem Pro”-Angler geschenkt, da habe ich meine alte Lei­den­schaft wie­der­ent­deckt. Ich habe ein paar rich­tig große Hechte aus dem Was­ser geholt und einen Zan­der, der lan­dete am Abend in der Pfanne. Der war total lecker! Mit mei­nen DJ-Freunden rede ich auch oft übers Fischen. Die sind pri­vat stink­nor­mal. Wir kochen gerne zusam­men, gucken Filme, alles ganz gesit­tet, keine ausge!ippten Partys.

Ich war sech­zehn, als ich im Ham­bur­ger Club Front mei­nen ers­ten DJ-Job hatte. Neben­bei arbei­tete ich hin­ter der Bar oder als Kurier­fah­rer, eine Zeit lang war ich arbeits­los. Die Frau beim Arbeits­amt guckte etwas ver­stört, als ich DJ als Beruf angab. Für viele ist es bis heute kein rich­ti­ger Beruf. Mann, ich mache den Job jetzt schon seit 25 Jah­ren, kommt mir echt nicht so lange vor. In Ham­burg auf­zu­le­gen ist bis heute etwas Spe­zi­el­les für mich. Letz­ten Sams­tag hab ich in einem Club auf der Ree­per­bahn gespielt und alles stimmte, die Leute waren gut drauf, so wie ich es mag.

Sonn­tags machen meine Freun­din und ich es uns meis­tens zu Hause gemüt­lich. Hier oben in unse­rer Dach­ge­schoss­woh­nung fühle ich mich wohl, sie ist mein Elfen­bein­turm. In mei­ner alten Woh­nung lebte eine Frau über mir, die stän­dig mit ihren hohen Hacken übers Par­kett stie­felte. Das hat mich wahn­sin­nig gemacht, echt!

Das war aber noch gar nichts gegen mei­nen alten Nach­barn hier in der Hal­ler­straße. Bei dem war fast jeden Abend Ram­bazamba. Am Wochen­ende, wenn ich mor­gens um fünf oder sechs nach Hause kam, stan­den vor dem Ein­gang vier bis fünf Taxis, aus denen Par­ty­gäste ström­ten. Aus der Woh­nung dröhnte es wie auf dem Kiez. Der Typ war echt nicht ganz dicht, der hatte in sei­ner Woh­nung eine halbe Disco instal­liert – mit Nebel­ma­schine und Licht­an­lage! Reden konnte man nicht mit dem. Wir hat­ten rich­tig Zoff. Eines Nachts, als meine Wände wie­der vibrier­ten, ist mir der Kra­gen geplatzt. Es kam zu einer Ran­ge­lei, ich hatte ihn im Schwitz­kas­ten und am Ende rief ich die Poli­zei. Zum Glück ist der ausgezogen!

Zu Hause höre ich sel­ten Musik. In den Clubs trage ich oft Ohr­stöp­sel, aber das geht nicht immer, wegen der Akus­tik: Ich muss ja hören, was ich spiele. An den Wochen­en­den genieße ich den Sound und die Party-Atmosphäre. Aber ich brau­che die Stille danach, um runterzukommen.


Der Mann auf der Brücke

Im Fern­se­hen lau­fen die „Tages­the­men“. Karl-Heinz Käfer ist ein­ge­nickt. Mit ange­win­kel­ten Knien, wie ein klei­nes Kind, liegt er auf dem Sofa. Seine Frau sitzt neben ihm und strickt einen grü­nen Schal. Das leichte Vibrie­ren des Strom­ge­ne­ra­tors beru­higt. Die Käfers neh­men den Ton nicht mehr wahr, er gehört zum Leben an Bord. Die Stimme aus dem


Das perfekte Blatt

Ein biss­chen muss er noch war­ten. Dann sprie­ßen an den Bir­nen– und Flie­der­bäu­men die per­fek­ten Blät­ter. Auf denen spielt er dann „Lili Mar­leen“ oder „Tul­pen aus Ams­ter­dam“. Harald Remen­sper­ger, 54, ist Natur­blatt­mu­si­ker. Seine Instru­mente wach­sen auf Bäu­men und Sträu­chern. Ob Bär­lauch, Weide, Gold­re­gen oder Efeu, je nach Jah­res­zeit holt er sich das rich­tige Blatt. Aus einer


Das tägliche Elend

Gabriela Roth sitzt kaum, da rollt ihr schon eine Träne über die Wange. Peter Roth, gezeich­net vom Alko­hol, hat neben ihr Platz genom­men. Den Kopf nach unten gerich­tet, starrt er auf den blauen Lin­ole­um­bo­den im Jugend­amt Stutt­gart. Der Sozi­al­ar­bei­ter Jan Fischer, der wie seine Kli­en­ten im wirk­li­chen Leben anders heißt, reicht Frau Roth ein Taschen­tuch.


Einmal waschen bitte!

Zu Vlatko und Maria Kne­zo­vic kom­men die Leute nicht nur, um ihre Klei­der sau­ber zu krie­gen. In ihrem Wasch­sa­lon wird getratscht, gejam­mert und gelacht. Sie ken­nen auch die schmut­zige Wäsche von Boris Becker. Vlatko Kne­zo­vic sor­tiert dre­ckige Wäsche. Durch­ein­an­der waschen gibt es bei ihm nicht. Er zeigt auf eine gelbe Ikea-Tüte. „Die Kun­din würde nicht


Invasion im Watt

Der Blick aus Kars­ten Rei­ses Büro­fens­ter ist benei­dens­wert. Ein Fisch­kut­ter glei­tet vor­bei, die Netze hän­gen ach­tern in der Sonne. Zwei Aus­tern­fi­scher häm­mern mit ihren lan­gen roten Schnä­beln am Strand Muscheln auf. Der Mee­res­bio­loge Reise lei­tet die Wat­ten­meer­sta­tion des Alfred-Wegener-Instituts für Polar– und Mee­res­for­schung in List auf Sylt. Vom Insti­tut führt ein Sand­weg über eine kleine


Die Jungs, die keiner will

Sie sind min­der­jäh­rig und ihre Straf­ta­ten rei­chen von Erpres­sung, Raub, Brand­stif­tung bis hin zu schwe­rer Kör­per­ver­let­zung. Die poli­ti­sche Debatte, ob man kri­mi­nelle Jugend­li­che unter 14 Jah­ren ein­sper­ren soll oder nicht, wird in Deutsch­land regel­mä­ßig geführt. In Ham­burg ist eine Ent­schei­dung gefal­len. Das geschlos­sene Heim in der Feu­er­berg­straße wird Anfang 2009, nach sechs Jah­ren, seine Tore


Unter Wasser ist Schweigen

Bestel­len im Restau­rant, bezah­len an der Tank­stelle: was für viele selbst­ver­ständ­lich ist, war für Flo­rian Busch lange eine Qual. Er stot­tert. Flo­rian Busch taucht ab. Ath­le­tisch bewegt sich sein Kör­per in die Tiefe. Er legt sich flach auf den Boden des Sprung­be­ckens im Möh­rin­ger Frei­bad und genießt die Stille. Eine halbe Minute, eine Minute. Nach


Die Gartenpiraten

Heim­lich schlei­chen sie nachts durch Ber­lin. Guerilla-Gärtner. Bewaff­net mit Stief­müt­ter­chen, Chry­san­the­men und Samen­bom­ben. Ihre Mis­sion: die Haupt­stadt zu ver­schö­nern. Dort wo Unkraut aus dem Asphalt wächst. Auf brach­lie­gen­den Grund­stü­cken, die mit Elek­tro­schrott über­sät sind. An Orten, an denen junge, täto­wierte Män­ner ihre Pit­bulls kacken las­sen. Wer auf­merk­sam durch Kreuz­berg, Fried­richs­hain oder die Stra­ßen am Prenz­lauer


Schlaflos im Pflegeheim

Wo bin ich?“, fragt Herr Kra­mer. „Im Mutter-Werner-Heim. Es ist neun Uhr abends, sie müs­sen jetzt schla­fen“, sagt Nacht­schwes­ter Bauer. Im Bett dane­ben röchelt Herr Schmid. Im Zim­mer riecht es nach Des­in­fek­ti­ons­mit­tel und Schweiß. Die Fens­ter blei­ben aber geschlos­sen, sonst wäre es zu kühl. „Dia­be­ti­ker schwit­zen stark, die rie­chen halt“, sagt Heike Bauer. Das Mutter-Werner-Heim in